Projekte im GRK

I. Historische Konfigurationen

Verschiedene Weisen künstlerischer und medialer Thematisierung und Inszenierung von Materialität und Produktion lassen sich insbesondere in den spezifischen Zusammenhängen historischer Konfigurationen und Umbrüche verfolgen. Diese gehen einher sowohl mit den semantischen Ausdifferenzierungen der Begriffstrias 'Materie', 'Material', 'Materialität', als auch mit den Erweiterungen und Modifikationen, die der Produktionsbegriff von producere, poiesis und creatio, über Imagination und Invention bis hin zu Begriffen von 'Schöpfertum' u. ä. erfahren hat. Solche terminologischen bzw. diskursiven Bewegungen bedürfen einer systematischen Befassung mit der Vorstellung künstlerischen Schöpfertums und dessen Bindung an das Material. Die Verschiebungen und Neuerungen lassen sich nicht nur auf theoretisch-systematischer Ebene verhandeln (Schwerpunkte II - IV), sondern finden - als Gegenstände der Kultur-, Kunst- und Literaturgeschichte - auch in den künstlerischen Arbeiten, den Prozessen ihrer Materialisierung, ihrer Materialität und der Thematisierung von Materialität selbst statt.
Es werden Dissertationsthemen erwartet, die sich der Konfiguration von Materialität und Produktion in spezifischen historischen Kontexten sowie in ihren Transformationen widmen.
1. Hoch- und Spätmittelalter/Frühe Neuzeit: Herausbildung eines künstlerischen Schöpfungsgedankens; Verhältnis concetto/disegno; Drama/Spiel; die Organisation der Arbeit und des Künstlerberufs; die materiellen Produktionsbedingungen
2. Aufklärung/Moderne: Kategorien von Genialität und Kreativität; Formen künstlerischen Schöpfertums und "Schöpferischer Zerstörung"
3. Gegenwart: Medienkunst und Interaktivität; Autorschaft und Web 2.0; BioArt; Immaterielle Arbeit
Historisch übergreifend untersucht werden: Mimesis/Performanz, ästhetische Materialprozesse, materiale Überlieferungsprozesse; materielle Faktizität des Bild- und Sprachdings; Technisierung und Verzeitlichung der Produktion.

II. Produktivität des Immateriellen / Materialität der Ordnungen

Grundsätzlich lässt sich das Unsichtbare als Bedingung des Sichtbaren verstehen. Hier wird deshalb die These überprüft, dass die Materialität von Ordnungen durch die Produktivität des Immateriellen bedingt ist. In einer produktiven Spannung hierzu steht jene andere Perspektive auf das Verhältnis von Materialität und Immaterialität, in deren Hinsicht zu unter- suchen wäre, inwiefern die viel beschworene Immaterialität bzw. Ungreifbarkeit der medienvermittelten Realität durch eine ästhetisch verstandene Präsenz oder Unmittelbarkeit der Dinge gebrochen ist. Hier verschafft sich möglicherweise das Materiale und Körperliche (etwa der Geste, des Fleisches, des Stofflichen, des Klangs, der Textur, der technischen Vorrichtungen, der Körnung des Kinobildes etc.) Geltung für die Wahrnehmung und führt zu ästhetischen, kulturellen, sozialen Rahmenverschiebungen.
Einer sich hier abzeichnenden Dialektik eines forcierten Bedürfnisses nach 'handgreiflicher' Materialität und der ebenso forcierten Tabuisierung der 'grobsinnlichen' Wahrnehmung von Kunst ist auch deshalb eingehender nachzugehen, weil diese Dialektik konstitutiv für das Produktionsparadigma in der Kunst- und Kulturgeschichte der Moderne geblieben ist. So stellen sich die Mitglieder des GRKs Projekte vor, die sich im Bogen dieses Schwerpunktes II von den theoretischen Grundsatzreflexionen bis zu spezifischen Fallanalysen um folgende sechs Kernthemen gruppieren:
1. Mittelbarkeit / Medialität des Materialen
2. Materialität des Medialen
3. Emergenz
4. Körperlichkeit und ästhetischer Prozess
5. Geste und Bewegung
6. Mediale Immersionsformen.

III. Latente Relationen: Bedingungen der Produktivität

Es gibt kulturelle und ästhetische Praktiken, die Intersubjektivität provozieren oder Ereignisse hervorbringen. Solche Praktiken und Strategien können als latente Relationen verstanden werden. Modellhaft hierfür ist Räumlichkeit, in der Relationen für Menschen erfahrbar werden, wenn sie eine materielle sinnliche Dimension bekommt. Latente Relationen bedürfen, um angemessen verstanden zu werden, einer historischen und systematischen Befassung mit einer Theorie des Dings. Denn werden Dinge aus dem alltäglichen Zusammenhang des Austauschs des Subjekts mit der Welt herausgestellt, nehmen sie verschiedene Formen an, deren haptische und visuelle Dimensionen und deren Qualitäten überhaupt erst noch zu bestimmen wären. Möglicherweise gibt es eine Agentialität des Dings, die eine Neubestimmung des Verhältnisses von Subjektivität, Produktion und Materialität in ihrer Relationalität erfordert.
Hier sind also Forschungen anzustellen, die sich auf die Analyse solcher Relationen an konkreten Orten oder in ihrer Ereignishaftigkeit konzentrieren und ihre Bedeutung  für  die Wahrnehmungen und Erfahrungen des Subjekts herausarbeiten. Dabei sollte die Befassung mit der Produktivität jener konkreten Orte latenter Relationen für Subjektivität im Rahmen einer spezifischen Fragestellung von einer historischen Rückvergewisserung der Materialitätsbedingungen und -verschiebungen begleitet sein.
Für den Schwerpunkt III werden Projekte zu den folgenden drei Feldern erwartet:
1. Künstlerische, mediale oder biomorphe Räume
2. Arbeit und Ästhetik
3. Rahmungen und Interfaces.

IV. Materialprozesse und „Materialgerechtigkeit“

In diesem Themenschwerpunkt geht es um Fragen der Materialgerechtigkeit, um die Problematisierung und Historisierung des Begriffs, um Spannungen zwischen Material und Wert im gestalterischen Prozess und der kulturellen Zuschreibung, kurz: um den Zusammenhang von Werk und Wert, wie er sich im Material manifestiert. Dies ist insofern von Belang, da das Werk zwar als dezidierter Abschluss eines Produktions- und Gestaltungsprozesses angesehen wird, aber - so eine zentrale Forschungsfrage - durch seinen Verweisungscharakter auf jene Prozesse der Produktion im Material keinen in sich ruhenden Sinn mehr zu erreichen vermag. Historisch gesehen entsteht  aus dieser Spannung im Werk eine noch genauer zu untersuchende Problematisierung von Sinnlichkeit und Wahrnehmung (insbesondere mit dem Aufkommen audiovisueller Medientechnologien seit dem 19. Jahrhundert).
Die künstlerischen und gestalterischen Umgangsweisen und Strategien mit diesem Spannungsfeld sind insofern sehr ausdifferenziert, und es steht zu vermuten, dass Einzeluntersuchungen auch in historischer Perspektive wichtige Brüche und Rezeptionsverhältnisse werden aufweisen können.
So sind für diesen Schwerpunkt IV die folgenden fünf Felder für zu erwartende Projekte zu fokussieren:
1. Materialbewertungen und -rankings
2. Imitationen und Reproduzierbarkeit
3. Produktivität und Eigensinn des Materials
4. Künstlerische Strategien
5. Werk, Wert und Wahrnehmung im Zusammenhang.

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